Montag, 7. April 2008

Chinesische Sichten auf die Olympischen Spiele

Img214264032

In Anbetracht der sich hochschaukelnden Proteste gegen die Ausrichtung der Olympischen Spiele in China lohnt es sich eine Reihe von Stimmen aus China zu hören. Bekanntere chinesische Dissidenten und Kritiker haben sich folgendermaßen zur Frage der Olympischen Spiele geäußert:

Wang Guangze: Interview in der Zeit.

Hu Jia / Teng Biao: Artikel in Washington Post (übersetzt)

Liu Xiaobo: in der Süddeutschen

Samstag, 5. April 2008

Die (Ohn-)macht der Bilder und die Darstellung der Geschehnisse in Tibet

Videofilme und Photographien scheinen zum wesentlichen Instrument der Propagandamaschinen in Peking und Dharamsala geworden zu sein. Dieses Phänomen ist bereits aus beiden Irakkriegen bekannt - auch hier in Verbindung mit einem äußerst lückenhaften Informationsstand. "Embedded journalism" ist jedenfalls eng verwandt mit dem, was chinesische Staatsmedien in Tibet betreiben. Die Beschwerde vieler Chinesinnen über die einseitige (oder falsche) Berichterstattung der Weltpresse verläuft hingegen ins Leere. Es ist die Nachrichtensperre der chinesischen Regierung, die den Informationsfluss hemmt. Die wenigen Einblicke und Standpunkte, die ausländische Medien erhaschen können, lassen jede noch so unbedeutende Kleinigkeit durch sämtliche Nachrichtenticker flattern.

Anders als noch in den Irakkriegen spielen Internatplattformen wie youtube oder bloggs eine herausragende Rolle für die konventionelle Berichterstattung. Nichts ist wichtiger und aussagekräftiger als Bildmaterial. Handyaufnahmen, Vidoes, Photos aus Tibet gelangen via Internet in die Weltöffentlichkeit.Selbst die New York Times griff für Aufnahmen und Aussagen auf blogger zurück.

Insbesondere Chinas Behörden verwendeten Videos um die von tibetischer Seite ausgehende Gewalt zu dokumentieren (siehe z.B. hier und hier). Epoch Times fragt sich wie die Aufnahmen von CCTV zu stande gekommen sind. Inzwischen unterstellt die tibetische Exilregierung die Produktion von gestellten Videoszenen, die als Beweismaterial für eine Beteiligung des Dalai Lama an den Protesten dienen könnten. Dies ist nicht ganz auszuschließen. Auch wenn Xinhua einen ähnlichen Vorwurf wohl zurecht ablehnt.

Der Kampf um die Bilder, die Authentizität verschaffen und Legitimität für Politik und politische Forderungen spenden, ist voll entbrannt. Ihr Doppelcharakter ist dabei entscheidend. Zwar scheinen Bilder das "wirkliche" Geschehen zu dokumentieren, doch stehen sie unter dauerndem Verdacht, lediglich nachgestellt oder manipuliert zu sein. So lautet die Frage nicht: gibt es eine Wirklichkeit hinter den Bildern, sondern wie erlangen Bilder den Ruf, glaubwürdig zu sein?

Montag, 31. März 2008

Brief des Dalai Lama an die Bevölkerung Chinas

Von den deutschen Medien unbemerkt bzw. unberichtet, veröffentliche der Dalai Lama am 28.3. auf seiner Homepage einen langen Brief an das "chinesische Volk", in dem er den Tod "einiger Chinesen" zu tiefst bedauert. Außerdem bestreitet er zum wiederholtem Male alle (ihm von chinesischer Seite unterstellten) separatistischen Bestrebungen. Interessanterweise berichtet der Dalai Lama in diesem Dokument auch von seiner Freundschaft mit Mao Zedong, was vielen westlichen Beobachtern bislang unbekannt gewesen sein dürfte.

Die englischsprachige Seite von Xinhua veröffentliche ein Statement Wen Jiaboas, das als eine Art Antwort begriffen werden kann. Hierin wird Gesprächsbereitschaft signalisiert, ohne allerdings auf die klare Absage des Dalai Lama gegen ein unabhängiges Tibet Bezug zu nehmen. Eine klare Absage erteilt hingegen Global Times, die dem Dalai Lama weiterhin unterstellt, die Unabhängigkeit Tibets anzustreben.

Howard French fasst in Herald Tribune zusammen, wie die chinesische Führung den Dalai Lama einschätzt.

Erzbischof (und Friedensnobelpreisträger) Desmond Toto greift in einem offenen Brief in der Washington Post China harsch an. Er verweist auf die Friedensliebe des Dalai Lama, seines Freundes, fordert Nachforschungen in Tibet unter dem Dach der UN. Insbesondere fordert er, dass die chinesische Führung ihre ungerechtfertigten Angriffe und Verleumdungen gegen den Dalai Lama einstelle.

Bao Tong, ein seit 1989 unter Hausarrest gestellter hoher Parteifunktionär, fordert ebenfalls einen Dialog mit dem Dalai Lama und betont dessen Friedfertigkeit. RFA bietet eine englische Übersetzung. Unter der jüngeren Generation wird eine mögliche Unabhängigkeit Tibets (und Taiwans) sogar gelassen gesehen, wie zumindest ein Interview in der China Times mit Absolventinnen der Fudan Universität belegt.

Mittwoch, 26. März 2008

Wettermachen

China besitzt das umfangreichste Programm zur Wettermanipulation weltweit. Bis zu 90 Mio. US-Dollar werden hierfür jährlich in Forschung, Datensammlung und die aktive Gestaltung des Wetter investiert. Während chinesische Wettermacher normalerweise Hagelstürme verhindern oder Niederschlagsmengen in trockenen Regionen erhöhen sollen, besteht der Auftrag während der Olympischen Spiele darin, die Hauptstadt Peking mit ihren neugebauten Stadien vor Regenschauern zu schützen. Hierbei werden laut einem Bericht der Technology Review neben Superkomputern, Wetterflugzeugen auf Artilleriestellungen rund um Peking zum Einsatz kommen. Selbst für die Strecke des Fackellaufs, die auf den Gipfel des Mount Everest führt, sind in letzter Minute Wetterstationen eingerichtet worden.

Sollte sich die Wettermanipulation während der Olympischen Spiele als Erfolg herausstellen plant die chinesische Führung das Wetterprogramm landesweit einzusetzen, um mehr Niederschlag zu erzeugen. In Anbetracht der Klimawandel-bedingten Erntausfälle dürfte dies trotz allen Zweifeln an den tatsächlichen Effekten und möglichen negativen Auswirkungen eine dringend notwendige Gegenmaßnahme darstellen. In den USA ist die (zivile) Wettermanipulation mangels Erfolgen und strenger rechtlicher Schranken weitgehen zum Stillstand gekommen. Die kommunistische Führung in Peking scheint indes unverdrossen am modernen Ideal festzuhalten, das dem Menschen die "Gärtnerrolle" in jedweden Maßstab zuspricht. Diese Form der "Naturbearbeitung" weist eine große Kontinuität auf mit den Großprojekten während der Maozeit, dem Großen Sprung und dem Aufbau der sog. Dritten Front. Die (postmoderne) Sichtweise, wonach der Mensch an die Grenzen seiner Manipulationsfähigkeit stößt und Gesellschaften vielfach konfrontiert sind mit den unumkehrbaren Folgen ihrer Ressourcenwirtschaft, scheint unter der chinesischen Machtelite nicht mehrheitsfähig zu sein.

Im Gegenteil, der verbreitete Machbarkeitsoptimismus lässt auch für Chinas Position bei den laufenden Klimaverhandlungen große Schwierigkeiten vermuten. Jedenfalls wenn das Ziel ein globales Regime zur absoluten Beschränkungen von Treibhausgasen sein soll, in dem China auf jeden Fall ein gewichtige Rolle spielen muss. Ist nämlich die Durchführbarkeit einer globalen Gegensteuerung vorstellbar (was keineswegs auf chinesische Stimmen beschränkt ist), dann erscheint die vorausgehende Klimaveränderung wissenschaftlich kalkulierbar, sozial und ökonomisch abwägbar - und damit zumindest bis zu einem gewissen Grad hinnehmbar. Die chinesische Verweigerungshaltung lässt sich aus dieser Perspekive besser verstehen als lediglich von machtpolitischen und ökonomischen Erwägungen angetrieben. Vor allem scheint sie dem klassisch modernen Verständnis des Mensch-Natur Verhältnisses bzw. seines Managements geschuldet zu sein.

Die Frage ist dann, ob die Eliten der Industrienationen sich bereits von diesem modernen Machbarkeitsideal verabschiedet haben? Oder ob nicht die technische Machbarkeit eigentlich außer Frage steht und die ökonomische Belastung das schlagende Argument für die Umsetzung einer präventiven Klimapolitik darstellt? Damit bliebe diese Politik aber restlos modernen Werten verhaftet - lediglich der Inhalt des Diskurses ist sublimiert. Technizismus wird vom Primat des Ökonomischen überlappt (nicht ersetzt) wird.

Dienstag, 25. März 2008

Modernisierung, Harmonie, Gleichschaltung

Die anhaltenden Proteste und gewalttätigen Ausschreitungen im Westen China (Provinzen Tibet, Gansu, Yunnan, Qinghai und Sichuan), die bisher von der tibetischen Bevölkerung ausgehen, könnten innerhalb kürzester Zeit auch auf die Gruppe der muslimischen Uigueren übergehen. Die Ursache hierfür liegt vor allem in der Modernisierungspolitik, die die chinesische Führung in Xinjiang (siehe hier, hier, siehe hier, siehe hier und hier) wie in Tibet mit dem Ziel betreibt, letztlich die kulturelle, demographische und ökonomische Minorisierung der ethnischen Mehrheit in ihrer Region zu erreichen.

In diesem Zusammenhang spricht Li Dezhu, chinesischer Minister für die Angelegenheiten ethnischer Minderheiten, von "kultureller Sicherheit". Folgt man Lis Ausführungen, dann hat das offizielle Ziel, eine "harmonische Gesellschaft" in China zu errichten, vor allem mit kultureller Homogenisierung (sprich Sinisierung), demographischer Marginalisierung (siehe hier) und einem staatszentriertern Einheitsnarrativ zu tun - in einem Wort mit Gleichschaltung. Die Stabilität Chinas und der kommunistischen Parteiherrschaft, die Sicherheit seiner Grenzen etc. steht gemäß Lis Logik in Abhängig zur nationalen Homogenität. Damit wird eine "Weiterentwicklung" der Kulturen der "nationalen Minderheiten" und ihre "Verschmelzung mit dem Zeitgeist" geradezu erforderlich.

Einheit durch Reinheit zu erstreben ist eine nationalistische Politik, die historisch betrachtet ethnische Konflikte oft erst erzeugt hat. Sollte sich diese Richtung im Rahmen der Westentwicklungspolitik Chinas durchsetzen, dürfte die Zeit der großen (und gewaltätigen) Aufstände erst bevor stehen. Eine solche Strategie wäre, wie chinesische blogger bemerkten, keine Lösung, sondern eine neue Quelle für Schwierigkeiten in Tibet und anderswo in China.

Petition chinesischer Intellektueller fordert radikale Änderung der chinesischen Tibetpolitik

Gegen die Tibetpolitik ihrer Regierung protestieren eine Reihe von Intellektuellen mit einer Petition, in der eine radikale Abkehr von der bsiherigen Strategie gefordert wird. Unter anderem wird den chinesischen Medien vorgeworfen, dass sie ethnische Konflikte schüren würden. Vor allem wird ein ernsthafter Dialog zwischen dem Dalai Lama und der chinesischen Führung verlangt.

China Digital Times bietet eine englische Übersetzung des chinesischen Originals.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Em Pouco Mas De Seis...
Qualquer marca de sucesso precisa estar inserida no...
Marylou (Gast) - 21. Dez, 14:55
Zwei chinesische Sichtweisen...
Die Dominanz des Dollar ist in China umstritten. Chinesische...
JostW - 14. Jan, 22:10
Ostasiens Firmen führend...
Die Finanzkrise hat nicht nur die Welt der Banken auf...
MaxM - 23. Mär, 01:17
Der Aufstieg des Yuan
Die massiven Umwälzungen im Weltwährungssystem, die...
MaxM - 15. Mär, 15:04
Die Sache mit der Wahrheit
Die gute Macht der Klima-Wahrheit um das IPCC ist angeschlagen....
JostW - 14. Mär, 22:28

Archiv

April 2025
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 
 
 

Suche

 

Status

Online seit 6225 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 21. Dez, 14:55

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren