Freitag, 13. Februar 2009

Monster-Krieg: Mit Humor gegen die CCTV-Propaganda

images10-300x297

Vergangenen Montag, dem letzten Tag der chinesischen Neujahrsferien, bot sich ein schauriges Spektakel in der Pekinger Innenstadt. Ein Teil der brandneuen Firmenzentrale des chinesischen Staatsfernsehens, zentral im architektonischen Vorzeigeviertel Pekings gelegen, ging in Flammen auf. Das Flammeninferno, dem ein Feuerwehrmann zum Opfer fiel, hatten Mitarbeiter von CCTV selbst verursacht. Das Management von CCTV ließ nahe des noch unfertigen Gebäudekomplexes ein professionelles Feuerwerk entzünden, um spektakuläres Filmmaterial, das jedoch weitaus spektakulärer ausfiel als ursprünglich gedacht, zu produzieren. CCTV entschuldigte sich kurze Zeit später in einem ungewöhnlichem Schritt öffentlich für die Vernichtung von Steuergeldern in Millionenhöhe.

Obwohl die Nachrichtenagentur Xinhua seine LeserInnen über den Vorfall informierte, bemühten sich offenbar die Zensurbehörden, die Verbreitung von allem Bildmaterial zu unterbinden. Jedoch vergeblich, denn noch bevor Xinhua den Brand meldete, kursierten dutzende private Videoaufnahmen, Handybilder etc. in Internetforen und Twitternetzwerken. Daher erschien es vielen als absurd, dass CCTV in den Abendnachrichten nicht über den Großbrand berichtete und auch ansonsten kein Bildmaterial im offiziellen Internet und Fernsehen zu finden war.



images9-300x194

Der Ärger über CCTV schlägt inzwischen hohe Wellen. Chinesische Internetbürger (Netizens) begrüßen die Feuersbrunst mitunter als langersehntes "Gottesurteil" . Sie begannen eine regelrechte Schlacht gegen die Senderfamilie zu führen. In Karrikaturen zerstören Monster, Drachen und Alliens das CCTV-Hochaus. Die Hauptursache für den Unmut ist die Propaganda, die im staatlichen Fernsehen als ausgewogene Nachrichtenberichterstattung ausgegeben wird (siehe hier, hier und hier). Viele Medienkonsumenten scheinen entgültig genug zu haben von der zensierten Dauerbeschallung. Mitte Januar 2009 riefen Intellektuelle zu einem Boykott der Sendergruppe auf wegen ihrer unaufhörlichen parteilichen Berichterstattung, die Zuhörer und Zuseher einer regelrechten "Gehirnwäsche" unterziehe.

CCTV steckt in einer totalen Glauwürdigkeitskrise. Das Medienkonglomerat gerät zudem für seine Haltung, die ohne jegliche Selbstreflexion und Eigenkritik auskommt und von maßloser Arroganz geprägt ist, in heftige Kritik. So versäumte es CCTV, dessen übermächtige Informationsverbreitung vor allem dazu dient, einen harmonischen Eindruck zu erzeugen, den Milchpulverskandal (früher) bekannt zu machen. Damit missachtete das staatliche Fernsehen nicht nur seine Aufgabe, die Allgemeinheit über Gefahren aufzuklären, sondern hat vermutlich die Opfer des Skandals mitverschuldet. Ganz gleich ob "gute" oder "schlechte" Nachrichten, was und wie CCTV berichtet, nimmt kaum mehr jemand ernst (vgl. z.B. den Kommentar von Blogger Han Han). Von diesem Misstrauen zeugt auch die Anti-CCTV Website, die in Analogie zur Anti-CNN, falsche, unvollständige und verzerrte Meldungen aufdeckt.

Die Wut gegen CCTV ist aber auch Ausdruck einer äußerst volatilen Situation im ganzen Land. Die kreative Bilderschlacht mit Online-Monsters steht nicht nur in bester Tradition des chinesischen Humors, ohnehin die schärfste und alltäglichste Waffe gegen die mediale Gehirnwäsche der KPCh. Sie zeigt, wie Chinas BürgerInnen in der momentanen Stimmungslage Zufallsereignisse blitzschnell nutzen, um (sinnbildlich) die Waffen gegen die Regierungspropaganda und ihre Instrumente zu erheben. Zwar ist CCTV der unmittelbare Empfänger von Spott und Schadenfreude, doch richtet sich der angestaute Ärger letztlich gegen die KPCh selbst, nach dem Motto "die Akazie schelten, dabei aber auf den Maulbeerbaum zeigen" (zhi sang ma huai). Die Schriftzeichen 草泥马 über dem CCTV-Hochhaus im oberen Bild verweisen auf einen im Internet berühmt gewordenen Kindersong (cao ni ma), der mit sarkastischen Textveränderterungen die Bemühungen der KPCh, eine "harmonische Gesellschaft" zu schaffen, durch den Kakao zieht (Dank an Kankan für den Hinweis, weitere Analysen hier).

Über die Bedeutung der zahlreichen "schlechten Omen" für das Jahr 2009 lässt sich streiten, dass die chinesische Regierung nicht falsch liegt, wenn sie mit einer unruhigen Zeit rechnet, scheint indes unstrittig. Ich würde sogar noch weiter gehen und die These wagen, dass seit 1989 die Möglichkeit grundstürzender Umwälzungen niemals größer war. Drei Faktorenbündel sind hierfür ausschlaggebend: sich rasch ausweitende Unruhen und Kriminalität auf den Land und in den kleineren Städten, die mit der Massenarbeitslosigkeit unter den WanderarbeiterInnen zusammenhängt, organisierte Protestaktionen der Arbeiterschichten in den Städten (Wanderarbeiter eingeschlossen, siehe das Fallbeispiel Xinji) und die erneute Bereitschaft vieler Intellektueller/Wissenschaftler und Rechtanwälte sich zu organisieren und ohne Rücksicht auf Verluste gegen das Regime einzutreten (zuletzt im Rahmen der Charta 08) sowie die diffuse Unzufriedenheit innerhalb der jungen Generation der städtischen Bevölkerung. Jedes dieser drei Phänomene wird von der weltweiten Wirtschaftskrise, von der Exportweltmeister China unter den asiatischen Ländern besonders betroffen ist, direkt oder indirekt verstärkt. Die Grafik aus dem Economist zeigt den dramatischen Trend seit Mitte des Jahre 2008 (Die Arbeitslosenstatistik dürfte noch deutlich schlechter ausfallen als hier auf der Basis offizieller Datenangaben dargestellt).

CFB756

Auslandsinvestitionen bzw. ihr Rückgang sind neben Warenexporten von herausragender Bedeutung für die soziale Stabilität in China, zumindest wenn diese gemäß dem offiziellen Mantra von einem mindestens acht-prozentigen Wachstum abhängt. Während das Exportvolumen seit dem November 2008 einen stetigen Rückgang verzeichnet, verringerten sich die ausländischen Direktinvestitionen im November und Dezember 2008 verglichen mit dem Vorjahr um 36,5% respektive 5,7%. Daher gab sich Wen Jiabao während seiner Europareise, die vor allem der Wiederherstellung des Vertrauens in den chinesischen Wirtschaftsstandort diente, auffallend bescheiden. Er verband seine eindringliche Werbung um neue Investoren mit dem unmissverständlichen Hinweis, dass China sein gewohntes Wachstum nicht wird aufrecht erhalten können. Die ängstliche Stimmung in den höchsten Führungsebenen der kommunistischen Partei ist keineswegs der Auswuchs einer blinden Paranoia, sondern ein untrügliches Anzeichen für die vorrevolutionäre Stimmung, die sich zur Zeit bedingt durch die Wirtschaftskrise von unten nach oben in allen Regionen und Bevölkerungsschichten Chinas ausbreitet. Was den möglichen Kräften des Wandels allerdings bislang fehlt, ist eine schlagkräftige (landesweite) Organisationsstruktur. Die Regierung scheint ihrerseits in Fortsetzung der Reformen des sozialen Sicherungssystems mit weitreichenden Maßnahmen für die Arbeitsuchenden Massen der Wanderarbeiter reagieren zu wollen, um eine soziale Eskalation zu vermeiden. Es bleibt zu hoffen, dass bei allen möglichen und unmöglichen Entwicklungen Ironie eine wichtigere Rolle spielt als Gewalt.



Siehe Aktuelles zum Brand des CCTV-Gebäudes bei
Danwei.

images7-172x300

Sonntag, 8. Februar 2009

Chinas Soft-Power – was drei Stellen hinter dem Komma passiert.

„China, Asia’s largest country, had high annual growth rates of 7 to 9 percent that led to a remarkable tripling of its GNP and enhanced its reputation and soft power“ schrieb Joseph Nye Jr. 2004 in “Soft Power. The Means to Success in World Politics.” Kaum ein aufmerksamer Beobachter der Weltpolitik wird von der Hand weisen können, dass Chinas Soft Power enorm angestiegen ist, ein Blick auf die steigende Zahl von Konfuziusinstituten und die steigende globale Aktivität chinesischer Unternehmen dürfte ausreichen. Zugleich bemüht sich Nye jedoch die Euphorie von vornherein zu zügeln: „Nonetheless, even China has a long way to go...“ Während Joseph Nye sich hauptsächlich dem Phänomen der weichen amerikanischen Hegemonie widmet, wirkt das Kapitel „Others’ soft Power“, in dem auch China seinen Platz findet, eher wie ein dazwischen gequetschter Pflichtteil, um dem Vorwurf eines egozentristischen Weltbildes zuvorzukommen.
Wie Maximilian gezeigt hat, findet diese Konzept inzwischen unter chinesischen Politikern einen großen Zuspruch. Meiner Ansicht nach ist es weitgehend kompatibel mit den chinesischen Vorstellungen eines friedlichen Wiederaufstiegs und einer harmonischen Welt – dabei handelt sich nicht zwingend um eine positive Macht, aber doch zumindest eine solche, die die bestehende Ordnung nicht herausforderd.
Daher bemüht sich die chinesische Wissenschaftsgemeinde um eine theoretische Vertiefung des Konzepts und eine Anwendung auf den chinesischen Aufstieg - um den Fortschritt des politischen Projektes sozusagen messbar zu gestalten. Prof. Yan Xuetong beispielsweise vergleicht mit einem quantitativen Ansatz die Soft-Power der USA und Chinas. Seinem Verständnis nach umfasst dieses Konzept internationale Anziehungskraft, internationale Mobilisierungsfähigkeit sowie merkwürdigerweise auch nationale Mobilisierungsfähigkeit. Der Ansatz von Yan ist höchst zweifelhaft, denn er gewichtet alle berücksichtigten Einflussfaktoren gleich, indem er sie aufsummiert und einen Durchschnitt ermittelt. Wie rechtfertigt er es außerdem nicht quantifizierbare Faktoren außer Acht zu lassen. Dennoch ist das Ergebnis interessant, gleich ob es nun einem quasi-objektivischen quantitativen Ansatz oder aber vielleicht der eigenen Selbstperzeption entstammt. Yan konkludiert, dass die Soft Power Chinas ungefähr ein Drittel der Amerikanischen entspricht. Also gut, bedeutet das nun, dass weltweit auf drei McDonalds-Fillialen ein China-Restaurant trifft?
BBC und GlobeScan veröffentlichten jüngst eine Studie über die Fremdwahrnehmung einer Reihe von Ländern – die Umfrage wurde kurz nach der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der Vereinigten Staaten durchgeführt. Die 13.000 Interviewten aus 21 Ländern hatten den Einfluss der untersuchten Ländern zu bewerten: „01 Mainly positive, 02 Mainly negative, 03 Depends, 04 Neither, neutral, 99 DK/NA“. Im Ergebnis rutschte Chinas positiver Einfluss auf 39% (45% im Jahr 2008) und der negative stieg von 33% auf 40%. BBC untermalte diese Entwicklungstendenz mit einer Fotographie, die den Höherpunkt der olympischen Eröffnungsfeier 2008 abbildet, und untertitelte „Hosting the Olympics appears to have done little for China's image“.
Den größten Ansehensverlust hat China in europäischen Ländern erfahren. 69% der interviewten Deutschen sehen Chinas Einfluss als negativ (2008 noch 59%). In den USA blieb das Stimmungsbild gleich, ca. 52% hatten ein negatives Bild von China. Nur in Westafrika scheint Chinas Einfluss sehr positiv bewertet zu werden: Ghana 76% (2008: 58%), Nigeria 72%; auch in Russland, Indien und Mexiko konnte China zulegen.
Versteht man Soft Power wie Nye vor allem als „attractiveness“ und lässt diese Umfrage als eine Datengrundlage zu, muss sich China dennoch keine Sorgen machen. Die USA konnte sich zwar auf 40 Prozent beim positiven Einfluss gegenüber dem Vorjahr verbessern und China damit überholen. Aber 43 Prozent der Befragten sind immer noch von einem negativen Einfluss der USA überzeugt. Offensichtlich liegt China nahezu gleich auf mit den USA. Wäre das Anlass zu sagen, China verfügte über den gleichen Umfang an Soft Power wie die USA? Gerade Deutschland könnte sich mit diesem Indikator anfreunden, schließlich führt es die Liste als das Land mit dem positivsten Einfluss an. Sicherlich sagt diese Umfrage allein nicht viel über die Soft Power eines Landes aus. Wer könnte bei 13.000 Befragten von einer „World Opinion“ – was das auch immer sei – sprechen? Und was haben die Bürger der übrigen über 180 Staaten zu sagen?
Trotz der Versuche quantitative Präzision ins Spiel zu bringen, bleibt im unklaren wie groß Chinas Soft Power denn nun überhaupt sei. Dem BBC-Korrespondenten in Peking, James Reynold, bleibt in seinem Block nichts anderes übrig als zu fragen: „Have China's efforts won you over?“

Jost

Montag, 2. Februar 2009

Neue Werkzeuge für Chinas Softpower

Chinas Image hat sich seit der Asienkrise dramatisch verbessert. Wie aus einer Umfrage des Bertelsmann-Instituts aus dem Jahre 2007 hervorgeht, ist das Ansehen des Landes im globalen Süden durchweg positiv. Es rangierte deutlich höher, als etwa das der USA. Auch in seiner unmittelbaren Nachbarschaft wird China als verlässlicher Wirtschaftspartner geschätzt. Nicht zuletzt ist hierfür der wachsende Beitrag Chinas an Friedenseinsätzen der UNO verantwortlich. Allerdings bleibt abzuwarten, ob sich das Image Amerikas unter der Regierung Obamas auf Kosten Chinas verbessern wird.

Im vergangenen Jahr hat das Image des Reichs der Mitte ohnehin einige unerwartete Umstürze erlebt. War im März Pekings Vorgehensweise in Tibet weltweit aufs schärfste verurteilt worden - der Fackellauf wurde in einigen Ländern zum regelrechten Propagandadesaster, schwenkte die Stimmung unmittelbar nach dem verheerenden Erdbeben in Sichuan spürbar in die andere Richtung - spätestens nachdem der transparente und kompetente Umgang der chinesischen Behörden mit der Katastrophe bekannt wurde. Die Olympischen Spiele selbst fanden zwar allen Unkenrufen zum Trotz meist unter strahlend blauem Himmel statt, jedoch fiel der (geplante) Schub für Chinas Bild in der Weltöffentlichkeit eher schwach aus.

So scheint die KPCh noch diverse Anstrengungen unternehmen zu müssen, um Chinas Ansehen dauerhaft zu verbessern. Ein neues Instrument hierfür dürften die geplanten ausländischen Vertretungen und fremdsprachigen Sendungen werden, für die Peking offenbar 45 Mrd. Yuan ausgeben möchte. Damit wird eine Reihe von kulturpolitischen Maßnahmen fortgeführt, die bereits chinesisch-sprachige Zeitungen in Afrika umfasst, vor allem aber die Konfuzius-Institute, die in den letzten Jahren in zahlreichen Ländern eröffnet worden sind. Jetzt werden nach Medienberichten CCTV, Xinhua und China Daily jeweils bis zu 15 Mrd. Yuan erhalten, um eigene überseeische Programme aufzubauen.

Da die VR-China ihr globales Ansehen nicht auf militärischem Engagement gründen kann, wird die "Softpower" um so wichtiger. Der Begriff, den U.S.-amerikanische Politologen in den 90er Jahren entwickelten, wird inzwischen bereits von chinesischen Offiziellen übernommen. So sagte Li Changchun, Mitglied des Politbüros und Vorsitzender der Übersee-Propagandaabteilung, während einer nationalen Propagandatagung zu Kadern:

"vigorously sing the praises of the achievements of the CCP, socialism, the reform policy, and [the glories of] the great motherland".

Li called for "assiduous efforts to augment the soft power of Chinese culture, and to further elevate our national image". Wang Chen, who heads the party's overseas propaganda division, added that media and cultural units should beef up their "capacity to broadcast, to positively influence international public opinion and to establish a good image for our nation".

"We must strive to set up a top-line global media arm that covers the entire world and which is multi-lingual, enjoys a large viewership, has a large volume of information and is strongly influential," Wang indicated. (siehe atimes)

Ich bezweifle allerdings, ob diese Ziele erreicht werden können. Denn es ist weniger die Verstärkung ihrer Präsenz, die die chinesischen Medien zu einer mächtigen Waffe machen kann, als die Glaubwürdigkeit ihrer Berichterstattung. Und deren Qualität wird sich durch die zusätzlichen Milliardenbeträge kaum ändern. Auch die Auswahl von Al Jazeera als Modell erweist sich als Fehleinschätzung. Anders als der arabische Sender Al Jazeera, der sich nicht nur gegen "westliche" Medienberichte stemmt, sondern auch in der Region als authentische Stimme gilt, die gegen keine Regierung ein Blatt vor den Mund nimmt, bleiben Xinhua, CCTV und China Daily unverändert unter der Aufsicht und Zensur der KPCh. Damit mangelt es ihnen weiterhin gerade am wertvollsten Pfund, ihrer Vertrauenswürdigkeit:

Gerade Chinesische Medienkonsumenten wissen um diesen Zusammenhang:

"China's image is very important, but the first question is the image of the medium itself (...). If the medium lacks credibility, it is unthinkable that it will improve the country's image."
Gong Wenxiang, journalism professor at Peking University (zitiert in Christian Science Monitor)

Es erstaunt mich, dass die chinesische Führung nach jahrelangem Studium der Mediensysteme und der Medienpolitik anderer Länder, immer noch an den Erfolg ihrer traditionellen Zensur- und Kontrollstrategie zu glauben scheint. Selbst wenn sie damit in China bisland erfolgreich war, dürfte sich eine derartige Politik außerhalb der chinesischen Grenzen als Flop erweisen. Bei der derzeitigen Hexenjagd auf chinesischen Journalisten in Deutschland, die ohne Belege als "Spione" enttarnt werden, ist zumindest hier zu Lande eine harsche Reaktion auf Pekings neues Softpower-Werkzeug zu erwarten. Andererseits ist der weltweite Ausbau chinesischer Medien auch ein Signal, dass Chinas Führung mehr und mehr Wert auf die Meinungen und Diskussionen in der Weltöffentlichkeit legt (und legen muss, siehe silicon hutong).

Mittwoch, 7. Januar 2009

China in 2009: Vorhersagen und andere Unmöglichkeiten

Im Zuge des Jahreswechsel sind einige China-Beobachter in bester Orakellaune (siehe z.B. die Beiträge auf cn-predictions; Mutant Palm oder von Xinhua selbst), und wagen unterschiedlichste Vorhersagen, was das Jahr 2009 wohl bringen wird. Wie aus der aktuellen chinesischen Einschätzung hervorgeht (siehe oben) erwartet die kommunistische Führung des Landes offenbar ein unruhiges Jahr, d.h. eine deutliche Ausweitung aller möglichen Proteste. Neben den Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise und des Konjunkturabschwungs in den großen Volkswirtschaften, die chinesische Exporte absorbieren, geben vor allem einige der anstehenden Jahrestage Anlass zur Beunruhigung, denn das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens jährt sich zum zehnten Mal und erfolglose tibetische Rebellion liegt fünfzig Jahre zurück.

Einen Vorgeschmack auf (mögliche) Protestaktionen und (mögliche) Reaktionsweisen der Behörden hat die zunächst von hunderten, ausschließlich in China lebenden, Intellektuellen unterzeichnete Charta 08 gegeben. Zwar sorgt sie möglicherweise in den USA und Deutschland (durch die Veröffentlichung einer übersetzen Version in wichtigen Printmedien wie FAZ und ) für mehr Wirbel als in China selbst (siehe hier für eine Zusammenfassung der Reaktionen), doch zeigt die anhaltende Verfolgung und Inhaftierung vieler Unterzeichner, wie ernst die Parteispitze diese unmissverständliche Forderungen nach mehr Rechtsstaatlichkeit, der Achtung von Grundrechten und einer umfassenden Demokratisierung offensichtlich nimmt.

Auch wenn die Charta 08 allein kaum die Kraft entfalten dürfte, die hochgradig segregierte Gesellschaft Chinas unter einem Banner zusammen zu führen (dazu fehlt es ihr u.a. an Patriotismus), so signalisiert sie immerhin das Wiedererwachen einer Intellektuellenschicht, die den Mut aufbringt, sich der herrschenden Partei ohne große Kompromisse entgegen zu stellen. Dass dies, gestützt auf neue Transparenzregeln, die sich die Regierung selbst verordnet hat, inzwischen auch von ansonsten eher unauffälligen Wirtschaftsanwälten unternommen wird, ist ein hoffnungsvolles Zeichen.

Fundamental kann das autoritäre System aber nur dann herausgefordert werden, wenn etwas gelingt, was Pekings Parteistrategen seit 1989 mit allen Mitteln zu verhindern suchen: eine Mobilisierung und Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Gruppen in der Bevölkerung auf nationaler Ebene (vgl. Wasserstrom). Die kleinen und großen Proteste, die fast stündlich teils gewalttätig ausbrechen, bleiben hinsichtlich ihres Ursprungs, ihrer Gründe, ihrer Ausdehnung und medialen Präsentation fast ausschließlich lokal. Allein die grassierende Bereicherung und Ignoranz der Parteikader und patriotische Aufwallungen (nach dem dichotomen Muster "die gegen uns") scheinen momentan alle Provinzen übergreifende Kristallisationspunkte für Protest zu sein.

Das vergangene Jahr führte uns vor Augen wie die chinesische Bevölkerung paradoxerweise zwischen zwei extremen Stimmungen hin und her zu schwanken scheint. Entweder kommt es (vor dem Hintergrund massiver China-Kritik im Ausland oder der medienwirksamen Rettungsaktionen hoher Parteiführer nach dem Erdbeben) zur fast vollständigen Verbrüderung mit der Regierung oder aber zum vollständigen Vertrauensverlust aufgrund der chronischen und Menschenleben kostenden Korruption (wie im Fall des Milchpulverskandals und der kollabierten Schulgebäude).

Wird also 2009 ein Krisenjahr mit weit reichenden Veränderungen werden, wie ihn sich viele Chinesinnen und Chinesen tatsächlich wünschen? Oder aber erleben wir einen regelrechten Rückfall in maoistische Politikmuster? Klar ist jedenfalls, dass weniger Großereignisse bevorstehen, die von einer Interaktion der chinesischen Debatten mit denen im Ausland geprägt sind, wie es im Fall der Tibet-Krise, des Fackellaufs und der Olympischen Spiele sowie des verheerenden Erdbebens der Fall war, und die die Risse in Glaubwürdigkeit und Legitimität des politischen Systems mit einer guten Portion nationalen Gefühlskitt zu füllen schien. Die kollektive Opferhaltung, die die überwiegende Mehrzahl der Chinesen erfasste, ist nicht zuletzt ein sichtbarer Erfolg der groß angelegten "Erziehungskampagne", die Mittels veränderter Schulcurriculae, Filmen, "rotem Tourismus", Geschichtsmuseen und historischer Gedenkstätten seit Beginn der 90er Jahre versucht, Nationalstolz, Solidarität und das Opfernarrativ im Denken und Fühlen der chinesischen Bevölkerung zu verankern.

Stattdessen könnten in diesem Jahr drei andersartige Entwicklungen außerhalb des Landes die Aufmerksamkeit auf sich ziehen: der Beginn der neuen amerikanischen Präsidentschaft, die Folgen der Weltwirtschaftskrise sowie die Klimaverhandlungen in Kopenhagen, die zur Plattform einer globalen (Eliten)Diskussion der wirtschaftlichen Zukunft und Entwicklung des Weltsystems werden wird.

Diese Anlässe dürften weniger Gelegenheit als im Jahr 2008 für (offizielle und andere) Propagandisten bieten, die chinesische Bevölkerung in einer Art Belagerungssolidarität zusammenzuschweißen. Stattdessen führen Massenentlassungen, Firmenschließungen und wirtschaftliche Restrukturierung aber auch die kaum gebremste Umweltverschmutzung bereits jetzt zu Zukunftsängsten und vermehrten Unruhen. Im sechzigsten Jahr der Ausrufung der Volksrepublik durch Mao Zedong könnten so nicht Naturkatastrophen und "finstere" ausländische Mächte, sondern die rapide schrumpfende Volkswirtschaft und ausufernde Korruptionsskandale - mit anderen Worten die Partei selbst und der Misserfolg ihrer (Wirtschafts-)politik - in den Mittelpunkt einer kritischen Debatte rücken. Welche Konsequenzen sich hieraus ergeben ist zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise absehbar.

Mittwoch, 19. November 2008

Geschichte(n) erzählen gegen den Terror ?

Als ich Edwards Wongs Bericht über die archäologischen Funde im Tarimbecken las - der in der Tat keine Neuigkeiten enthält - war ich unverzüglich an "1984" erinnert: Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft. Wie in einigen anderen Fällen (z.B. beim Historikerstreit zum Geschichte der nördlichen korenischen Halbinsel) versucht die chinesische Regierung die Kontrolle über sensible Forschungsergebnisse zu behalten, die die bisherige Geschichtsschreibung des Landes verändern - und die hieraus von der KPC abgeleiteten Macht- und Gebietsansprüche unterminieren könnten. Im Fall der in der Provinz Xinjiang gefundenen Mumien geht es um nichts geringeres als die historisch (schlecht verbürgte) Vorherrschaft der Han-Chinesen in dieser Region.

Zumindest im chinesischen Internet sind die Mumien Teil der politischen Auseinandersetzung geworden. Während uigurische Unabhängigkeitskämpfer laut Wong die Mumien bereits als Zeichen für ihre "älteren" Herrschaftsansprüche - und also als Symbol der Selbstbestimmung - ansehen (er gibt hierfür jedoch keine Belege, sondern scheint auf ältere Artikel Bezug zu nehmen), versuchen chinesische Stimmen eine andere Erzählung aufrecht zu erhalten - die der frühen chinesischen Fremdbesiedelung und ununterbrochenene Dominanz durch das kaiserliche Reich im Tarimbecken.

Auch wenn sich die kommunistische Führung nicht zum "Mumiendiskurs" geäußert, spielt die narrativ vermittelte historische Legitimation für den Herrschaftsanspruch der Partei eine bedeutende Rolle. Gerade bei der Terrorbekämpfung sind nicht nur "harte" Methoden erforderlich. Es gilt die diskursive Hegemonialposition zu behaupten - daher geraten die vielleicht am besten erhaltenen Mumien der Welt unerwartet in den Mittelpunkt einer politischen Auseinandersetzung. Dass sie sich (zumindest gemessen an den bisherigen wissenschaftlichen Ergebnissen) möglicherweise jeglichen erhobenen Deutungsansprüchen versagen (vgl. Wong), verschafft ihnen einen unberechenbaren diskursiven Einfluss - sozusagen, wenn dieser Ausdruck für Mumien gestattet sein sollte, ein Eigenleben.

Weitere ausführliche Infos unter:

Wiki

Artikel des Independent

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Em Pouco Mas De Seis...
Qualquer marca de sucesso precisa estar inserida no...
Marylou (Gast) - 21. Dez, 14:55
Zwei chinesische Sichtweisen...
Die Dominanz des Dollar ist in China umstritten. Chinesische...
JostW - 14. Jan, 22:10
Ostasiens Firmen führend...
Die Finanzkrise hat nicht nur die Welt der Banken auf...
MaxM - 23. Mär, 01:17
Der Aufstieg des Yuan
Die massiven Umwälzungen im Weltwährungssystem, die...
MaxM - 15. Mär, 15:04
Die Sache mit der Wahrheit
Die gute Macht der Klima-Wahrheit um das IPCC ist angeschlagen....
JostW - 14. Mär, 22:28

Archiv

April 2025
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 
 
 

Suche

 

Status

Online seit 6223 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 21. Dez, 14:55

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren